Sonntags in die
Kirche zu gehen ist für mich seit dem ich in Neuseeland bin eine
ganz neue Erfahrung. Nicht nur das die Sprache anders ist. Auch die
Art und Weise des Umganges miteinander und mit Fremden ist offener.
Nicht zuletzt lerne ich hier Menschen kennen, die mich zu sich
einladen, obwohl sie mich nicht kennen. Das ist für mich
die Bedeutung des Wortes Gastfreundschaft. Von der Begegnung mit Heike und Bryan erzählt
dieser Artikel.
| Zu Gast bei Heike und Bryan |
Tauranga. Ich bin
zu Gast bei Heike und Bryan. Die Katholikin und der Anhänger der
Kirche von England. Die Quilterin und der Jäger. Beide im
Rentenalter. Seit 4 Monaten haben sie im Stadtteil „Ohauiti“ ein
Haus mit großem Garten. Am Hang gelegen. In eine ländliche
Vorstadtatmosphäre fügt sich ihre Siedlung in die grüne
Hügellandschaft ein. Hier und da ein paar Kühe. Jedes Haus ist nach
Norden ausgerichtet und man hat eine großartige Sicht auf das
Zentrum von Tauranga, die Küste und das Meer.
Heike hat Kinder
und Enkelkinder aus einer gescheiterten Ehe. Über Internet und
Telefon bleibt sie mit ihnen und Freunden in Deutschland in Kontakt. Sie ist
pensionierte Lehrerin. In Deutschland und der Schweiz unterrichtete
sie Haus-wirtschaft, Religion, Mädchensport und Hand-arbeit. Sie
berichtet mir von ihren Erfahrungen als Lehrerin mit den
verschiedensten Proble-matiken der Schüler. Von mangelnder
Sexual-Aufklärung, Flucht und Migration, bis hin zu Religion, Moral,
ihr perönlich bekannten Missbrauchsfällen und der daraus folgernden
berechtigten Gesellschaftskritik. Am Ende einigen wir uns darauf,
dass helfende Berufe in der Gesellschaft nur ein Tropfen auf dem
heißen Stein sein können. Dessen muss man sich selbst immer bewusst
sein. Ansonsten zerbricht man selbst in seiner beruflichen Arbeit.
Wer hilft dem Helfenden wenn dieser selbst Hilfe braucht? Sie zeigt
mir ihre Werks-tatt. Zwei große Nähmaschinen stehen in einer Garage
die überall mit Stoffrollen und Nähutensilien gefüllt ist. Sie
vertritt als einzige in Neuseeland amerikanische computer-gesteuerte
Industrie-Quiltmaschinen. Sie nimmt auch Bestellungen für Quilts,
oder wie es bei uns heißt Steppdecke, auf Kundenwunsch an. Sie
beschäftigt eine Mitarbeiterin und gibt Unterricht an der Maschine.
Momentan gibt es Probleme mit dem Computerprogramm. Das kostet Zeit
und Nerven. Heike lässt mich an ihrer Quiltmaschine. Ich soll meinen
Namen sticken. Huch, die Maschine ist flott. Meine Handschrift ist
eindeutig zu erkennen. „Wow“(Wort des Erstaunens). Was man damit
alles machen kann. Heike erklärt mir das ein Quilt grundsätzlich
aus 3 Schichten besteht: Oberstoff, Füllstoff Unterstoff. Das
besondere ist das Muster was die Nähmaschine in den Stoff stickt.
Dadurch entstehen an der Naht Täler und an den Freiflächen Hügel.
Ein sehr dekorativer dimensionalen Effekt mit unendlich vielen
Möglichkeiten. Heike hat die „permanent Residenz“ (dauerhafte
Aufenthaltsgenehm-igung) für Neuseeland beantragt. Das dauert. Aber
sie hofft, dass es bis nächstes Jahr Weihnachten erledigt ist.
Bryan hat Kinder
und Enkelkinder aus vorherigen Ehen. Die meisten seiner Verwandten
wohnen in Neuseeland. Er ist Pionier im neuseeländischen Lama
Farming (Lama-Viehzucht). Das hat Queen Elisabeth von England so
interessiert das sie Bryan in den 60ern einen Besuch abstattete. Er
hat also schon persönlich die Königin von England getroffen.
Jahrelang hat er auf der
Südinsel in den Bergen vom Helikopter aus „deer“(Rotwild)
geschossen. Männliche Tiere erlegt und die weiblichen Tiere für den
Transport zur Viehzucht betäubt. Er sagt: „Im Helikopter mit zu
fliegen ist ein befremdliches Gefühl, da die Flugmanöver unangenehm
sein können.“ Wie eine Achterbahnfahrt. Und er kann aus dieser
unruhigen Position auch noch die beweglichen Ziele treffen.
Beeindruckend und gefährlich.
Doch das ist lange her.
Stolz zeigt er mir seinem Office (Büro) in der er eine ansehnliche
Fotowand hat, die genau diese biografischen Episoden festhält. Bryan
hat vor einigen Jahren in einem sozialen Projekt jugendliche Maori
unterrichtet. Er hat ihnen gezeigt wie man Possum gejagt, die es hier
wie eine Plage gibt. Die Maori sind heute wie die „Weißen“
gleichberechtigt. Finanzielle Mittel zur Wiedergutmachung von
historischen Fehltritten zu Beginn der neuseeländischen Besiedelung
sind geflossen. Aber durch Stammesfäden und heutigen
gesellschaftlichen Problemen, wie Drogenmissbrauch und Kriminalität,
geht es vielen Maori sozial schlechter. Ein Umdenken muss einsetzen.
Jeder Mensch hat sich bewusst zu machen, dass Bildung der Weg aus der
Armut ist. Ob und wie weit das Umdenken einsetzt ist noch nicht
abzusehen. Bryan fährt mit mir nach Rotorua zur Autobesichtigung.
Für die nächste Präsentationen der Quiltmaschinen im kommenden
Jahr brauchen sie ein Auto in das ihre Maschinen passen. Wir messen
also das auserkorene Modell beim Händler über eine Stunde lang aus.
Bryan vergleicht gern Preisleistungsverhältnis und investieren viel
Zeit in die Suche nach dem Besten zum billigsten Preis. Bryan spielt
Gitarre. Er singt und spielt mir Maori-Lieder vor und ich ihm das
Eichsfeld-Lied. Ich finde seine Lieder sehr schön. Ihm gefällt was
ich ihm vortrage. Das ist Völkerverständigung.
Das nächste Projekt von
Bryan ist der Bau eines Hauses als Werkstatt für Heike. Auf ihrem
Gartengelände wollen sie ein Haus auf Stelzen errichten. Denn für
solche Häuser braucht man in NZ keine Baugenehmigung.
Die beiden sind ein
glückliches Pärchen. Sie unterhalten sich untereinander
hauptsächlich auf englisch. Manchmal fällt ein deutscher Satz.
Dabei diskutieren sie eben so wie sie sich necken und sticheln.
Bryan: „mashed potato“ (Kartoffelbrei) ist eine neuseeländische
Erfindung! Heike: „But“ (Aber) der „potato
masher“(Kartoffelstampfer) ist eine deutsche Erfindung! … Lustig.
Sie machen gern Segeltrips mit ihrem eigenen Boot. Am weitesten haben
sie sich bis nach Papua Neuguinea gewagt. Für diese Reise brauchten
sie 9 Monate. Aber meist segeln sie die Ostküste entlang. Zum
Fischen, Schwimmen und Seele baumeln lassen. Sie laden gern Fremde
und Freunde zu sich ein...
Ich habe durch sie viele neue Eindrücke gewonnen.
Von denen nehme ich mir vor so viele wie möglich zu verinnerlichen
und auf mein eigenes Leben zu übertragen.
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