Freitag, 20. Dezember 2013

Die Deutsche und der Neuseeländer



 
Sonntags in die Kirche zu gehen ist für mich seit dem ich in Neuseeland bin eine ganz neue Erfahrung. Nicht nur das die Sprache anders ist. Auch die Art und Weise des Umganges miteinander und mit Fremden ist offener. Nicht zuletzt lerne ich hier Menschen kennen, die mich zu sich einladen, obwohl sie mich nicht kennen. Das ist für mich die Bedeutung des Wortes Gastfreundschaft. Von der Begegnung mit Heike und Bryan erzählt dieser Artikel.

Zu Gast bei Heike und Bryan
Tauranga. Ich bin zu Gast bei Heike und Bryan. Die Katholikin und der Anhänger der Kirche von England. Die Quilterin und der Jäger. Beide im Rentenalter. Seit 4 Monaten haben sie im Stadtteil „Ohauiti“ ein Haus mit großem Garten. Am Hang gelegen. In eine ländliche Vorstadtatmosphäre fügt sich ihre Siedlung in die grüne Hügellandschaft ein. Hier und da ein paar Kühe. Jedes Haus ist nach Norden ausgerichtet und man hat eine großartige Sicht auf das Zentrum von Tauranga, die Küste und das Meer.
Das Haus (+ 5 Prozent des rießigen Gartens) von Heike und Bryan

Heike hat Kinder und Enkelkinder aus einer gescheiterten Ehe. Über Internet und Telefon bleibt sie mit ihnen und Freunden in Deutschland in Kontakt. Sie ist pensionierte Lehrerin. In Deutschland und der Schweiz unterrichtete sie Haus-wirtschaft, Religion, Mädchensport und Hand-arbeit. Sie berichtet mir von ihren Erfahrungen als Lehrerin mit den verschiedensten Proble-matiken der Schüler. Von mangelnder Sexual-Aufklärung, Flucht und Migration, bis hin zu Religion, Moral, ihr perönlich bekannten Missbrauchsfällen und der daraus folgernden berechtigten Gesellschaftskritik. Am Ende einigen wir uns darauf, dass helfende Berufe in der Gesellschaft nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein können. Dessen muss man sich selbst immer bewusst sein. Ansonsten zerbricht man selbst in seiner beruflichen Arbeit. Wer hilft dem Helfenden wenn dieser selbst Hilfe braucht? Sie zeigt mir ihre Werks-tatt. Zwei große Nähmaschinen stehen in einer Garage die überall mit Stoffrollen und Nähutensilien gefüllt ist. Sie vertritt als einzige in Neuseeland amerikanische computer-gesteuerte Industrie-Quiltmaschinen. Sie nimmt auch Bestellungen für Quilts, oder wie es bei uns heißt Steppdecke, auf Kundenwunsch an. Sie beschäftigt eine Mitarbeiterin und gibt Unterricht an der Maschine. Momentan gibt es Probleme mit dem Computerprogramm. Das kostet Zeit und Nerven. Heike lässt mich an ihrer Quiltmaschine. Ich soll meinen Namen sticken. Huch, die Maschine ist flott. Meine Handschrift ist eindeutig zu erkennen. „Wow“(Wort des Erstaunens). Was man damit alles machen kann. Heike erklärt mir das ein Quilt grundsätzlich aus 3 Schichten besteht: Oberstoff, Füllstoff Unterstoff. Das besondere ist das Muster was die Nähmaschine in den Stoff stickt. Dadurch entstehen an der Naht Täler und an den Freiflächen Hügel. Ein sehr dekorativer dimensionalen Effekt mit unendlich vielen Möglichkeiten. Heike hat die „permanent Residenz“ (dauerhafte Aufenthaltsgenehm-igung) für Neuseeland beantragt. Das dauert. Aber sie hofft, dass es bis nächstes Jahr Weihnachten erledigt ist.
Bryan's Office: Jedes Bild ein Teil seiner erlebnisreichen Biografie.

Bryan hat Kinder und Enkelkinder aus vorherigen Ehen. Die meisten seiner Verwandten wohnen in Neuseeland. Er ist Pionier im neuseeländischen Lama Farming (Lama-Viehzucht). Das hat Queen Elisabeth von England so interessiert das sie Bryan in den 60ern einen Besuch abstattete. Er hat also schon persönlich die Königin von England getroffen.
Jahrelang hat er auf der Südinsel in den Bergen vom Helikopter aus „deer“(Rotwild) geschossen. Männliche Tiere erlegt und die weiblichen Tiere für den Transport zur Viehzucht betäubt. Er sagt: „Im Helikopter mit zu fliegen ist ein befremdliches Gefühl, da die Flugmanöver unangenehm sein können.“ Wie eine Achterbahnfahrt. Und er kann aus dieser unruhigen Position auch noch die beweglichen Ziele treffen. Beeindruckend und gefährlich.
Doch das ist lange her. Stolz zeigt er mir seinem Office (Büro) in der er eine ansehnliche Fotowand hat, die genau diese biografischen Episoden festhält. Bryan hat vor einigen Jahren in einem sozialen Projekt jugendliche Maori unterrichtet. Er hat ihnen gezeigt wie man Possum gejagt, die es hier wie eine Plage gibt. Die Maori sind heute wie die „Weißen“ gleichberechtigt. Finanzielle Mittel zur Wiedergutmachung von historischen Fehltritten zu Beginn der neuseeländischen Besiedelung sind geflossen. Aber durch Stammesfäden und heutigen gesellschaftlichen Problemen, wie Drogenmissbrauch und Kriminalität, geht es vielen Maori sozial schlechter. Ein Umdenken muss einsetzen. Jeder Mensch hat sich bewusst zu machen, dass Bildung der Weg aus der Armut ist. Ob und wie weit das Umdenken einsetzt ist noch nicht abzusehen. Bryan fährt mit mir nach Rotorua zur Autobesichtigung. Für die nächste Präsentationen der Quiltmaschinen im kommenden Jahr brauchen sie ein Auto in das ihre Maschinen passen. Wir messen also das auserkorene Modell beim Händler über eine Stunde lang aus. Bryan vergleicht gern Preisleistungsverhältnis und investieren viel Zeit in die Suche nach dem Besten zum billigsten Preis. Bryan spielt Gitarre. Er singt und spielt mir Maori-Lieder vor und ich ihm das Eichsfeld-Lied. Ich finde seine Lieder sehr schön. Ihm gefällt was ich ihm vortrage. Das ist Völkerverständigung.
Das nächste Projekt von Bryan ist der Bau eines Hauses als Werkstatt für Heike. Auf ihrem Gartengelände wollen sie ein Haus auf Stelzen errichten. Denn für solche Häuser braucht man in NZ keine Baugenehmigung.

Die beiden sind ein glückliches Pärchen. Sie unterhalten sich untereinander hauptsächlich auf englisch. Manchmal fällt ein deutscher Satz. Dabei diskutieren sie eben so wie sie sich necken und sticheln. Bryan: „mashed potato“ (Kartoffelbrei) ist eine neuseeländische Erfindung! Heike: „But“ (Aber) der „potato masher“(Kartoffelstampfer) ist eine deutsche Erfindung! … Lustig. Sie machen gern Segeltrips mit ihrem eigenen Boot. Am weitesten haben sie sich bis nach Papua Neuguinea gewagt. Für diese Reise brauchten sie 9 Monate. Aber meist segeln sie die Ostküste entlang. Zum Fischen, Schwimmen und Seele baumeln lassen. Sie laden gern Fremde und Freunde zu sich ein...
Blick von den Hügeln auf Tauranga.

Ich habe durch sie viele neue Eindrücke gewonnen. Von denen nehme ich mir vor so viele wie möglich zu verinnerlichen und auf mein eigenes Leben zu übertragen.

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